Swift stürzt ab: Das Ende eines Gammablitz-Jägers
Fast 22 Jahre hat das NASA-Weltraumteleskop Swift die heftigsten Explosionen im Universum gejagt. In dieser Woche kehrt es zur Erde zurück: unkontrolliert, nach einer gescheiterten Rettungsmission und angetrieben von einem Gegner, den Polarlicht-Fans gut kennen – der Sonne.
Bild: Künstlerische Darstellung von Swift im Orbit.
Quelle: NASA Goddard Space Flight Center Conceptual Image Lab
Geplant war Swift für zwei Jahre. Daraus wurden fast 22. Jetzt ist die Umlaufbahn so tief gesunken, dass das Observatorium in den nächsten Tagen in die Erdatmosphäre eintritt. Wir erklären, was gerade passiert, warum Swift abstürzt und was Amateurastronomen in den letzten Tagen noch verfolgen können.
Was gerade passiert
Der Wiedereintritt wird zwischen dem 3. und 5. November 2026 erwartet (Stand: 2. November abends). Die Aerospace Corporation nennt ein Fenster von Dienstag, 3. November, 08:30 Uhr bis Donnerstag, 5. November, 10:30 Uhr MEZ. Das Weltraumwetter-Zentrum der NASA rechnet sogar mit einem Absturz innerhalb von 24 Stunden ab Dienstag, 06:18 Uhr MEZ. Die Prognosen haben sich in den letzten Tagen nach vorne verschoben und können sich weiter ändern.
Wo Swift genau herunterkommt, weiß derzeit niemand. Das Observatorium hat kein eigenes Triebwerk und lässt sich nicht steuern. Erst in den letzten Stunden vor dem Absturz werden Zeit und Ort halbwegs genau vorhersagbar.
Ein Risiko für Menschen am Boden besteht praktisch nicht. Der Großteil der rund 1,5 Tonnen schweren Sonde verglüht. Einzelne dichte Bauteile, etwa die Abschirmung aus Wolfram, könnten den Sturz aber überstehen. Da rund 70 Prozent der Erdoberfläche Wasser sind, landen solche Reste meist im Ozean.
Stand der Mission: Am 20. Oktober ging Swift in den Sicherheitsmodus, am 23. Oktober beendete die NASA den Wissenschaftsbetrieb offiziell. Die Umlaufbahn war zu tief geworden, um die Teleskope noch zuverlässig auszurichten.
Warum Swift abstürzt: Die Sonne ist schuld
Swift startete 2004 in rund 600 Kilometern Höhe. Dort ist die Erdatmosphäre extrem dünn, aber nicht leer. Jeder Umlauf bremst den Satelliten ein klein wenig ab, die Bahn sinkt langsam.
Beschleunigt hat das die Sonne. Rund um das Sonnenaktivitätsmaximum 2024/2025 hat die stärkere UV- und Röntgenstrahlung die obere Erdatmosphäre aufgeheizt und aufgebläht. Dadurch reicht dichteres Gas in größere Höhen, und der Luftwiderstand für Satelliten steigt deutlich. Es ist dieselbe Sonnenaktivität, die uns in den vergangenen Jahren Polarlichter bis weit nach Süddeutschland beschert hat.
Anfang 2026 lag Swift bereits unter 400 Kilometern. Danach ging es immer schneller: Von Ende August bis Anfang November verlor Swift über 110 Kilometer Höhe, zuletzt fast sieben Kilometer pro Tag.
Tipp: Wie aktiv die Sonne gerade ist, zeigt unsere Polarlicht-Ampel auf der Startseite.
Die gescheiterte Rettung
Die NASA wollte Swift nicht kampflos aufgeben. Für rund 30 Millionen Dollar beauftragte sie das Unternehmen Katalyst Space Technologies aus Arizona mit einem Novum: Ein Roboter-Raumfahrzeug sollte einen Satelliten einfangen, der nie für eine Wartung gebaut wurde, und ihn in eine höhere Bahn schieben.
Die kühlschrankgroße Sonde „Link“ startete am 3. Juli 2026 mit einer Pegasus-XL-Rakete. Sie sollte Swift mit drei Roboterarmen greifen. Kurz nach dem Start traten jedoch Probleme mit den Reaktionsrädern und der Lageregelung auf. Am 19. August gaben NASA und Katalyst das Einfangmanöver auf.
Ganz umsonst war der Versuch nicht. Link näherte sich Swift Anfang September bis auf 12 bis 15 Kilometer und testete Annäherungsmanöver für künftige Servicemissionen. Swift selbst nahm danach noch einmal den Wissenschaftsbetrieb auf – für ein letztes Kapitel von rund zwei Monaten.
Was Swift in 22 Jahren geleistet hat
Swift startete am 20. November 2004 und wurde für die Jagd auf Gammablitze gebaut. Das sind die stärksten bekannten Explosionen im Universum, oft nur Sekunden lang. Das Besondere an Swift: Es entdeckte einen Ausbruch mit dem Burst Alert Telescope und schwenkte innerhalb von Minuten sein Röntgen- und sein UV-/Optik-Teleskop darauf. So ließ sich das Nachglühen messen, bevor es verblasste.
Einige Höhepunkte:
- GRB 090423: ein Gammablitz aus einer Zeit, als das Universum erst rund 600 Millionen Jahre alt war
- GRB 221009A: der hellste je gemessene Gammablitz, in Fachkreisen „BOAT“ genannt (Brightest Of All Time)
- SN 2008D: der zufällig beobachtete Moment, in dem eine Supernova-Stoßwelle aus einem Stern ausbricht
- GW170817: UV-Nachbeobachtung der ersten Neutronenstern-Verschmelzung, die auch per Gravitationswellen nachgewiesen wurde
- Kometen: Mit dem UV-Teleskop maß Swift, wie viel Wasser Kometen ausgasen
Nach und nach wurde Swift zum Allzweck-Werkzeug für alles, was am Himmel plötzlich aufleuchtet. 2018 benannte die NASA es nach Neil Gehrels, der die Mission maßgeblich entwickelt hatte. Die gesammelten Daten bleiben in den Archiven für die Forschung verfügbar.
Kann man Swift von Deutschland aus sehen?
Leider nein – und das ist zugleich die beruhigende Nachricht. Swift kreist auf einer Bahn, die nur rund 20,5 Grad gegen den Äquator geneigt ist. Das Observatorium überfliegt also nur Regionen zwischen etwa 21 Grad Nord und 21 Grad Süd. Von Mitteleuropa auf rund 50 Grad Nord aus steigt es nie über den Horizont. Aus demselben Grund kann Swift auch nicht über Deutschland abstürzen.
Wer den Absturz trotzdem live verfolgen möchte, hat online gute Möglichkeiten:
- Aktuelle Prognosen: Reentry-Tracker wie KeepTrack oder die Aerospace Corporation zeigen das jeweils neueste Vorhersagefenster.
- Position in Echtzeit: Seiten wie N2YO zeigen, wo Swift (Katalognummer NORAD 28485) gerade ist.
- Prognosen richtig lesen: Ein Zeitpunkt mit einem Fenster von mehreren Stunden oder Tagen ist keine Terminangabe. Ein Satellit umrundet die Erde in rund 90 Minuten – schon eine Stunde Unsicherheit bedeutet Tausende Kilometer Unterschied beim Absturzort.
Noch ein Wort zu Social Media: Videos von „Swift-Feuerbällen“ über Europa dürften in dieser Woche kursieren. Sie zeigen mit großer Wahrscheinlichkeit etwas anderes – etwa Meteore oder Raketenstufen.
Fazit: Eine Lücke am Himmel
Mit Swift verliert die Astronomie ihr schnellstes Frühwarnsystem für kosmische Explosionen. Einen direkten Nachfolger, der Gammablitze entdeckt und binnen Minuten mit eigenen Teleskopen anpeilt, hat die NASA derzeit nicht